Florian Staeck: Symbolträchtig für die offene Meinungsbildung auch in der SPD-Fraktion war, daß der Kanzlerstuhl auf der Regierungsbank leer blieb. Gehard Schröder saß im Plenum, er wollte ausdrücklich als Parlamentarier das Wort ergreifen.


Bundeskanzler Gerhard Schröder:
"Wir tragen Verantwortung für unser Tun und Unterlassen"


 
Die Frage, ob man begrenzte Forschung an überzähligen Embryonen zulassen solle, werde uns nicht loslassen, so der Bundeskanzler in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag. Der Kanzler erklärte, es gäbe jedoch keinen Anlass, die bestehenden gesetzlichen Regelungen zum Embryonenschutz vorschnell zu ändern. Die Herstellung von Embryonen zu Forschungszwecken solle weiterhin verboten bleiben. Und das eigentliche Potenzial der Gentechnik liege doch in der Heilung schwerster Krankheiten - wozu die medizinische Forschung durch eine unbedingt zu respektierende Ethik des Heilens auch verpflichtet sei. 

Der Kanzler warnte aber davor, die Debatte um die Präimplantationsdiagnostik (PID) überzubewerten. Sie sei ein diagnostisches, kein therapeutisches Verfahren. Es würden damit auch keine genetisch veränderten Menschen erzeugt. Es gäbe achtbare Gründe für die Zulassung der PID als ein solches Verfahren der Diagnostik bei genetisch belasteten Eltern. "Nach Schätzungen", so der Kanzler, "lagern in Deutschland mehr als 100 Embryonen. Unser Gesetz erlaubt eine künstliche Befruchtung nur, um eine Schwangerschaft herbeizuführen. Genau dafür werden aber diese befruchteten Eizellen nicht mehr benötigt. Ist es dann nicht doch vertretbar, angesichts der Alternative, dass sie weggeworfen werden, begrenzte Forschung an ihnen zu ermöglichen?" Könne man dieses Verfahren wirklich unter allen Umständen ausschließen, obwohl doch in der medizinischen Indikation die Abtreibung eines Embryos straffrei bliebe? Der Kanzler verneinte diese Frage. Die PID sei verantwortbar in den gleichen Grenzen, in denen auch die medizinische Indikation verantwortbar sei. Der Rubikon wäre damit noch nicht überschritten. 

Es gehe heute in dieser Debatte um wichtige Abwägungsfragen, sie werde ein wichtiger Beitrag sein zu einer Diskussion, die weitergehen müsse. Für die politische Kultur in diesem Lande sei das wichtig und hilfreich. Dazu werde auch der Nationale Ethikrat beitragen. Verantwortung trügen wir in diesen schwierigen Fragen in einem doppelten Sinne - Verantwortung für das, was wir tun, aber auch für das, was wir unterlassen. Dies - und nicht platter Ökonomismus - sei mit seinem Hinweis gemeint gewesen, dass es auch die Folgen der Unterlassung für Forschung und Entwicklung zu bedenken gäbe. Darin liege die Verantwortung für die Richtung, die unsere Gesellschaft nehme. 

"Das eigentliche Potenzial der Gentechnik", so der Kanzler. "liegt doch darin, neue Medikamente, neue Behandlungsmethoden zu entwickeln, mit denen schwerste, bisher nicht heilbare Krankheiten unter Umständen geheilt werden oder gelindert werden können. Sicher ist die religiös motivierte Position zu respektieren, die das Schicksal von Schwerstkranken, von Patienten, die zum Beispiel an Krebs, Alzheimer, Parkinson oder Mukoviszidose oder auch an anderem leiden, als bedauerlich, am Ende aber unabänderlich darstellt. Aber ich frage mich, ist nicht der Wunsch, alles nur Menschenmögliche für die Heilung schwerstkranker Menschen zu unternehmen, ebenso zu respektieren? Ich denke, die Ethik des Heilens und des Helfens verdient ebensolchen Respekt wie diese vor der Achtung der Schöpfung." Er sei der festen Überzeugung, dass "man den Forschern, die beispielsweise große Hoffnungen in die Stammzellenforschung setzen, nicht pauschal dunkle, unethische Motive unterstellen" dürfe. 

 

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